Von der Papierfabrik zum Einkaufszentrum

Industriegeschichte im Leipziger Westen

Wer heute in der Elster-Passage einkauft, einen Arzttermin wahrnimmt oder einfach nur aufmerksam an ihr vorbeigeht, wird keine baulichen Spuren der früheren Nutzung des Areals mehr finden. Für die Errichtung des neuen Stadtteilzentrums in den Jahren 1993 bis 1996 wurden sämtliche Gebäude der früheren „Chromo-Papier- und Cartonfabrik G. Najork & Co.“ abgebrochen. 1871 zog das einige Jahre zuvor von Gustav Najork gegründete Unternehmen nach Plagwitz und erwarb das Areal zwischen Zschocherscher Straße, Mühlen- und Ziegelstraße (heute Lauchstädter und Walter-Heinze-Straße). In der Folge entstand hier ein umfangreicher Gebäudekomplex in drei- bis viergeschossiger geschlossener Blockrandbebauung. Der Haupteingang lag an der Zschocherschen Straße, genau gegenüber der Einmündung der heutigen Schmiedestraße. Aus der Mitte des dicht bebauten Innenhofes ragte ein einzelner hoher Schlot auf.


Kurz vor dem Abriss 1993: die Fassade der ehemaligen „Chromo-Papier- und Cartonfabrik G. Najork & Co.“ an der Zschocherschen Straße

Die Erzeugnisse des Unternehmens, veredelte Papiere wie zum Beispiel gestrichene Papiere, Chromopapiere und -kartons oder Kunstdruckpapiere, genossen Weltruf. Aus den hochwertigen Papieren stellten Druckereien im In- und Ausland dann Endprodukte wie zum Beispiel Post- und Spielkarten, Plakate oder Verpackungsmaterial her.

Teilflächen der Fabrik wurden übrigens schon seit 1871 an den Konfektionsbetrieb E. Kahle vermietet, und in der Textilproduktion sollte dann später auch die Zukunft des Standortes liegen. Nach Kriegsende waren nämlich die zur Papierherstellung erforderlichen Maschinen demontiert worden, so dass sich die – nun als Aktiengesellschaft geführte – Firma auf Papierschnitt beschränken musste. Nach der Verstaatlichung 1972 ging sie im VEB Druck und Verpackung auf. Unklar ist aber, welche Aufgaben die Fabrik innerhalb dieses VEB danach bis zu ihrer Stilllegung hatte.

Schon 20 Jahre zuvor, Anfang der 1950er Jahre, war die Firma E. Kahle verstaatlicht worden und firmierte seitdem unter „VEB Damenbekleidungswerk ‘vestis’“. Nach Zusammenlegung mit dem „Leipziger Bekleidungswerk“ in der Wittenberger Straße und später noch mit 29 weiteren volkseigenen oder privaten Betrieben entstand der „VEB Leipziger Bekleidungswerke ‘vestis’“.

Ab Ende der 1970er Jahre wurde ein Prozess der „Rationalisierung, Konzentration und Umlagerung“ der Produktion eingeleitet, woraufhin einige Betriebsteile in Gebäude der Kammgarnspinnerei Stöhr in der Erich-Zeigner-Allee verlagert wurden.

Mit der Auflösung des VEB ‘vestis’ im Jahr 1992 kam auch das Ende des Produktionsstandortes auf dem Areal der ehemaligen Papierfabrik G. Najork.

Nach dem Abriss der gesamten Bausubstanz erinnern heute noch einige Exemplare der Betriebszeitung „Forum“ aus den 1970er Jahren, die im Stadtgeschichtlichen Museum archiviert sind, an die Textilproduktion. Und natürlich Fernsehaufnahmen von DDR-Sportlerinnen, die in Oberbekleidung von ‘vestis’ an den Olympischen Spielen 1964 in Tokio teilgenommen haben.