Seit 118 Jahren soziales Wohnen – die Meyer’schen Häuser in Lindenau

Beeindruckende Fassaden sind es, die einem Besucher der Meyer’schen Häuser in der Hahnemannstraße und Henricistraße auffallen. Und wer nicht weiß, dass es eine Wohnsiedlung ist, könnte es für eine Kaserne oder ein Schloss halten, so imposant wirkt das Gebäudeensemble.

Die Meyer’schen Häuser in Leipzig-Lindenau

Doch wurde hier nicht für Soldaten oder Fürsten gebaut, sondern für Arbeiter und Angestellte. Verantwortlich dafür war Herrmann Julius Meyer (1826-1909), bekannt durch sein Bibliographisches Institut und dessen Lexika. Er gründete dazu den „Verein zur Erbauung billiger Wohnungen“ und stattete diesen mit 2 Millionen Mark Kapital aus. Zwischen 1888 und 1937 wurden vier Siedlungen mit über 2.500 Wohnungen gebaut. – in Lindenau, Eutritzsch, Reudnitz und Kleinzschocher. Der Verein wurde 1900 in eine Stiftung umgewandelt, die bis heute besteht.

Nach dem Buch „Die Meyer’schen Häuser in Leipzig – Bezahlbares Wohnen“ von Martha Doehler und Iris Reuther aus dem Jahr 1995 war es „Ziel der Unternehmung […] stets, dem spekulativen Mietshausbau jener Jahre (der absolut dominierenden Form von Wohnungsneubau in den großen, schnell wachsenden Industriestädten Deutschlands nach der Gründerzeit) ein wohnungspolitisches und soziales Konzept entgegen- und in die Tat umzusetzen, das dem Wohnungswucher keinen Raum bot.“

Die Siedlung in Lindenau wurde 1888 bis 1898 als erste gebaut. Es entstanden drei Baublöcke mit 501 (heute noch 413) Wohnungen. Mit „barocken“ Ecktürmen und „Konzept“: Günstigere Mieten als auf dem freien Markt, einfache, aber hygienische Wohnungen, begrünte Innenhöfe mit Mietergärten, Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergärten und Waschhäuser sowie Ansätzen der Mieterselbstverwaltung.

Nach der Wende konnte die Stiftung wieder selbstständig agieren. Ab 1991/92 wurden alle vier Siedlungen nach und nach saniert. Dabei wurden die Mieter intensiv eingebunden und beteiligt. Dies wurde 1996 als „Best Practice“ bei der Weltkonferenz „Habitat II“ in Istanbul gewürdigt und 1997 mit dem „Deutschen Bauherrenpreis Modernisierung“ honoriert.